Jungle World

23. Februar 2000

"Dass wir Österreicher Deutsche sind"

Jörg Haiders Kulturberater Andreas Mölzer stärkt die deutschnationale
Traditionslinie der Freiheitlichen. Schon vor zehn Jahren verfasste der
ehemalige Waffenstudent ein Lob des Nationalsozialismus.
von oliver marchart, wien
 

Die Koalition zwischen ÖVP und FPÖ ist nicht einfach eine Koalition
zwischen Rechten und Noch-Rechteren. Hier koalieren zwei politische Lager,
die eine historische Intimfeindschaft miteinander verbindet, welche bis zu
jenem Tag im Jahr 1934 zurückreicht, an dem putschende Nazis den
austrofaschistischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordeten. Was die
ÖVP betrifft, so hat sie sich bis heute nicht vom Austrofaschismus
distanziert. Im Parlamentsklub der ÖVP soll nach wie vor ein
Dollfuß-Porträt prangen. Der Diktator wird als eine Art Widerstandskämpfer
verehrt, der die österreichische Waldheimat verteidigte, denn für die ÖVP
war der Austrofaschismus kein Faschismus, sondern katholische Notwehr gegen
den gottlosen Nationalsozialismus.
Die FPÖ wiederum repräsentierte das so genannte dritte Lager: Sammelbecken
der ehemaligen Nazis und gesinnungstreuen Deutschnationalen. Somit muss man
von Haiders "ambivalentem" Verhältnis zum Nationalsozialismus nicht allzu
überrascht sein. Zwar gab es in der Partei ein liberales Intermezzo, doch
säuberte Haider nach seiner Machtübernahme die Partei von liberalen
Elementen und besann sich wieder auf die Tradition.
Das Problem dabei: Das deutschnationale Wählerpotenzial ist in Österreich
zu begrenzt. Nur in Kärnten, das sich immer als Bollwerk des deutschen
Kulturraums gegen die slawischen Horden verstanden hatte, war es
tendenziell größer. Es ist also keineswegs Zufall, dass Haider, der selbst
Oberösterreicher ist, gerade in Kärnten zum Landeshauptmann aufstieg (wobei
diese Karriere von seinem im Kärntner Landtag vorgebrachten Lob der
Beschäftigungspolitik des "Dritten Reichs" unterbrochen wurde). Um aber
gesamtösterreichisch bei Wahlen bis zur Mittelpartei aufzusteigen, musste
er früher oder später die Partei - zumindest nach außen hin - auf eine
austro-patriotische Linie einschwören.
Zu diesem Zeitpunkt der Austrifizierung der Parteilinie wurde der damalige
völkische Chefideologe der FPÖ, Andreas Mölzer, erst mal von Haider
kaltgestellt. Nachdem Haider aber im Frühjahr 1999 zum zweiten Mal Kärntner
Landeshauptmann geworden war (und Landeskulturreferent), besann er sich des
alten Kameraden und machte Mölzer zu seinem offiziellen kulturpolitischen
Berater. Selbst wenn die FPÖ heute als chauvinistische Österreich-Partei
auftritt, lässt u.a. die zentrale Positionierung Mölzers darauf schließen,
dass der Deutschnationalismus hinter den Kulissen weiterlebt (Haider selbst
hatte einmal aus dieser Tradition heraus die österreichische Nation als
"Missgeburt" bezeichnet). Mölzer sieht - in alt- wie in neurechter Manier -
gerade in der Kultur das Schlachtfeld, auf dem das Erbe des Deutschtums verteidigt werden muss.
 

Fuchsmajor Mölzers Kulturprogramm.

Vor ein paar Jahren noch hätte niemand im politischen Mainstream Mölzer
auch nur mit einer Zange angefasst. Inzwischen ist er komplett
normalisiert, er ist fester Kolumnist sowohl der konservativen Tageszeitung
Die Presse als auch des Boulevardblatts Kronenzeitung. Da die FPÖ mit
medientauglichen Intellektuellen sonst nicht aufwarten kann, ist es zumeist
Mölzer, der regelmäßig von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen zu
Round-Tables und Gastkommentaren eingeladen wird. Mit Zur Zeit (ZZ) gibt er
sein eigenes Magazin heraus, das mit der Jungen Freiheit kooperiert. In der
ZZ wird kräftig gegen "Wehrmachtsdiffamierung" agitiert und des
"Holocausts" an den Donauschwaben gedacht. Einmal kam man der
"Auschwitz-Lüge" etwas zu nahe, als ZZ einen Artikel von Hans Gamlich
publizierte, in dem die Vernichtung der Juden "mittels Zyklon B"
angezweifelt wurde. Dass das dem Herausgeber Mölzer eine Anzeige wegen
Wiederbetätigung einbrachte, hat kaum gestört.
Kürzlich hat die IG Autoren einen Zufallsfund präsentiert, der Mölzers
Ideologie in Manifest-Form komprimiert: Mölzers gesammelte Reden als

Fuchsmajor im akademischen Corps Vandalia. Das Buch mit dem Titel "Das
Waffenstudententum in Vergangenheit und Gegenwart" ist 1980 im
einschlägigen Aula-Verlag erschienen und war nicht zum Verkauf im
Buchhandel bestimmt, weshalb es auch 20 Jahre lang nicht ans Licht der
Öffentlichkeit kam. In diesem Buch fasst Mölzer die Position des
deutschnationalen "Waffenstudenten im heutigen Österreich", also auch seine
eigene Sichtweise, mit den Worten zusammen: "An erster Stelle steht die
Liebe zum gesamtdeutschen Volk und zum deutschen Stamme in Österreich,
sowie die Überzeugung von der unlösbaren Verbundenheit Österreichs mit dem
deutschen Schicksal." In diesem Zusammenhang entwickelt Mölzer die These,
der Nationalsozialismus sei für die Waffenstudenten das "endlich erreichte
Ziel und der Höhepunkt einer Jahrhunderte langen Entwicklung".
Der Abschnitt ist es wert, ausführlich zitiert zu werden: "Um die
Entwicklung weiter zu verfolgen, muß man sagen, daß der Nationalsozialismus
- ohne sich jetzt nur im geringsten auf eine diesbezügliche Diskussion
einlassen zu wollen - für das Gros der Waffenstudenten das endlich
erreichte Ziel und den Höhepunkt einer Jahrhunderte langen Entwicklung
bedeutete. Man gab zum großen Teil die individuelle Existenz der einzelnen
Korporationen gerne auf, da man sich ja nie als Selbstzweck gesehen hatte,
sondern nur als akademischer Baustein zum höheren Ganzen. Das Streben von
Generationen der Besten unseres Volkes schien sich zu erfüllen - national
fürs Vaterland und dadurch fürs ganze Abendland -, für ganz Europa - und
sozial für den einzelnen, den Schwachen, eingebunden in eine starke
Volksgemeinschaft. Doch es kam anders, in grauenhaftem Inferno brach der
Traum zusammen, zerstört, erniedrigt, beschmutzt lag im Kot der Geschichte,
wofür Hunderttausende der Besten bereit waren, ihr Leben zu lassen."
Wer nun glaubt, die Vorstellung dieses Machwerks vor der Presse hätte einen
Skandal ausgelöst, unterschätzt das Ausmaß der Normalisierung des
Rechtsextremismus in Österreich. In den überregionalen Medien gab es dazu -
im besten Fall - eine Kurzmeldung. Mölzer selbst verwies lakonisch darauf,
dass es sich um ein Jugendwerk handele, distanzierte sich aber nicht davon.
Auf Nachfragen des Kurier ließ er sogar wissen, dass seit der
Öffentlichmachung der Schrift sein Ansehen gestiegen sei: "Die Leute sagen,
endlich wissen wir, dass du kein Karrierist bist, sondern zu alten
Gesinnungen stehst." Daraus muss man schließen, dass Haiders Kulturberater
seine Aussagen von 1980 heute nach wie vor unterschreiben würde. Das
wiederum lässt Rückschlüsse auf die Inhalte seiner Beratungstätigkeit zu,
denn das Buch enthält auch einen kulturpolitischen Maßnahmenkatalog, der
für Mölzer wohl ebenfalls noch aktuell sein dürfte.

So heißt es: "Erstes Kampfziel sollte wohl die Neuschaffung eines starken
deutschen Kultur- und Geistesbewußtseins darstellen." Nicht als Selbstzweck
und nicht nur für Deutschland, "sondern im Dienste Gesamteuropas, des
gewordenen Abendlandes (...) und damit zum Guten der ganzen Menschheit, des
ganzen Planeten". Aber "in der Mitte", wohlgemerkt, stehe immer noch
"Deutschland, das deutsche Volk, durch tausend Jahre Mittler und
Kristallisationspunkt aller bedeutenden Ideen der abendländischen
Geschichte".
Für Österreich ergebe sich daraus eine klare historische Mission: "Das
Bewußtsein, daß wir Österreicher Deutsche sind, muß wiederbelebt werden.
(...) Auf dieser geistigen Grundlage müßte die Wiedergeburt eines echten
politischen Willens des gesamten Volkes angestrebt werden, welcher sich in
der Folge auch in der realen Politik der staatlichen Hoheitsträger
auswirken muß."
 

Fremdwörter raus!

Zur "Belebung des Deutschtums im kulturellen Bereich" schlägt Mölzer unter
anderem Maßnahmen zur "Selektierung" von Fremdwörtern, zur Revision der
Geschichte und zur Kenntlichmachung der nicht-deutschen Kultur vor:

+ Sprachreinigung: "Reinhaltung, Förderung und positive Fortentwicklung
der deutschen Sprache, Selektierung von Fremdwörtern, Arbeit zur
Sprachförderung in Gebieten mit Mischbevölkerung und Vertiefung der
sprachlichen Inhalte".

+ Geschichtsrevision und -kontrolle: "Kontrolle und Intensivierung des
Geschichtsunterrichts, wobei eine Umorientierung der
Geschichtswissenschaft Voraussetzung wäre, müßten eingeführt werden.
Dabei sollte aufgezeigt werden, wo und wie wir Deutschen in Bezug auf
unsere eigene Geschichte manipuliert wurden."

+ Völkische Kunst- und Wissenschaftsförderung: "Wissenschaftler und
Künstler, die in ihrer Tätigkeit das deutsche Volk repräsentieren,
müßten verstärkt gefördert werden. Im gesamten kulturellen und
künstlerischen Bereich müßten eigenständige deutsche Bemühungen
unterstützt werden, wobei nach und nach das Fremde, Aufgepfropfte zwar
nicht als schlecht, aber doch als nichtdeutsch erkennbar gemacht
werden müsste (siehe moderne Musik)."

Mölzer ist immer noch Kolumnist der Presse und immer noch offizieller
Berater das Landeskulturreferenten von Kärnten. Eine Kärntner Galeristin
erklärte unlängst in einem Kommentar, dass die "Frage, ob man um eine
Subvention ansuchen soll", sich für viele Kulturschaffende in Kärnten erst
gar nicht stelle, "weil sie wissen, dass einem dann ein Herr Mölzer als
Gesprächspartner gegenübersitzt".
 

Das FPÖVP-Kulturprogramm

Die österreichische Situation könnte also ironischer nicht sein: 55 Jahre
nach Kriegsende hat das "dritte Lager", das für sich genommen ein
Wählerpotenzial von nicht einmal 5 Prozent hätte, mit Hilfe eines
patriotischen Wahlkampfs und mit Hilfe der ÖVP die Staatsmacht errungen.
Die daraus entstandene seltsame Mixtur aus Deutschtümelei und
Österreichtümelei schlägt sich auch im Regierungsprogramm nieder.
Die ÖVP/FPÖ-Koalition hatte an die Öffentlichkeit appelliert, man möge sie
nicht an früheren Aussagen Haiders, sondern an ihrem aktuellen
Regierungsprogramm messen. Doch auch in diesem Programm fühlt man sich
streckenweise an die Mölzersche Geisteswelt erinnert. Neben der
projektierten Zwangsarbeit für Langzeitarbeitslose und der Verschmelzung
von Wirtschafts- und Arbeitsressort, also der Identifizierung von
Arbeitnehmer- mit Arbeitgeberinteressen, in einem einzigen Ministerium
(diese Zusammenlegung war zuletzt Hitler eingefallen; innerhalb der EU ist
es einzigartig), ist es vor allem der an eventuelle Zahlungen an
Zwangsarbeiter geknüpfte Revisionismus, der tief blicken lässt.
So heißt es in einem Atemzug, die Regierung strebe "sachgerechte Lösungen
in den Fragen aller im Zuge des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit
gezwungenen Personen, der österreichischen Kriegsgefangenen sowie der
infolge der Benesch-Dekrete (...) nach Österreich vertriebenen
deutschsprachigen Bevölkerung" an. Irgendwie waren schließlich am Krieg
alle gleich schuld, also kann man auch die von den Nazis verschleppten
Zwangsarbeiter mit deutschen/österreichischen Kriegsgefangen bzw.
Sudetendeutschen gleichsetzen. Ein Detail der Schreibweise ist
aufschlussreich: Die Eindeutschung des Namens Bene`s zu "Benesch" war
bisher nur bei Deutschnationalen üblich, nicht jedoch in offiziellen
Schriften der österreichischen Bundesregierung.
 

Volk und Heimat

In diesem Kontext muss man die Programmpunkte zur Kulturpolitik lesen. Zum
einen entsprechen sie der neoliberalen Auslagerungsideologie und fordern
die Einrichtung einer Nationalstiftung zur Bewahrung und Pflege des
kulturellen Erbes, steuerliche Absetzbarkeit bei Kunstankäufen, Stärkung
der "creative industries" etc. Zum anderen gibt es mit der Förderung des
völkischen Provinzialismus und der Heimatkunst durchaus Entsprechungen zur
deutschnationalen wie auch zur katholisch-ländlichen Kulturideologie der
Koalitionsparteien. So verheißt die neue Regierung "die Förderung der
kulturellen Ausdrucksformen der Regionen", verspricht Volkskunst zu fördern
und Volkskultur schwerpunktmäßig zu erforschen. Wie hieß das noch 1980 bei
Mölzer: "Wissenschaftler und Künstler, die in ihrer Tätigkeit das deutsche
Volk repräsentieren, müßten verstärkt gefördert werden."
Natürlich ist es nicht das "deutsche" Volk, von dem im Regierungsprogramm
gesprochen wird. Das ist auch nicht notwendig. Mit der Förderung der
regionalen Ausdrucksformen der Volkskultur ist ein gemeinsamer Nenner von
deutschnational bis konservativ-katholisch gefunden. Für die Koalition
erweist sich das als günstige Sprachregelung, denn mit "Volkskultur"
treffen sich die Begriffe, auch wenn ein jeweils anderes Volk gemeint sein
sollte.

Solange man nur "Volk" sagt, können die einen das österreichische, die
anderen das deutsche darunter verstehen; solange man nur "Heimat" sagt,
können die einen die österreichische, die anderen die deutsche Heimat
darunter verstehen. Eine ideale Lösung. Und so fanden - auch in der
Kulturpolitik - zwei alte Intimfeinde zueinander. Nicht umsonst
demonstrieren heute in Wien deutschnationale Verbindungen für einen
katholischen Kanzler. Der arme Dollfuß ist umsonst gestorben.

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