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| Bertram Karl Steiner Zur Eröffnung der Ausstellung "Virtueller Dialog mit den Lobisser-Fresken" am 11. Oktober 2000, Galerie Freihausgasse Villach LOBISSER Wenn einer aus dem Rest der Welt, also aus der Steiermark, Salzburg, Tirol, Friaul, Slowenien, um nicht von Wien oder München oder gar Paris oder, ich weiß nicht von wo, nach Kärnten kommt, erlebt er, sollte er sich auf dieses Land näher einlassen, eine Begegnung der dritten Art. Er, sie fühlt sich angestarrt. Nicht von den Leuten auf der Straße; die schauen drein, wie überall. Aber aus den schummrigen Hinterzimmern der Antiquitätenhändler, aus den hochachtbaren Amtsstuben, aus Redaktionen. Wetten? Aber auch aus den Kisten, die man auf den Flohmärkten nicht jedem zeigt. Was ist denn das? Augen voller List und Tücke, die stecken in handwerklich recht ordentlich holzgeschnittenen Gesichtern. Herzig dumm tun sie und arglos, liab und verrotzt und verheult. Und soviel treu. Kärnten treu. Wia de Büablan und de Mädalan und so weiter. Is ja wohl so liab. Und aus erdäpfelgesichtigen Frauen starren sie einem an und aus den ehernen Zügen, hart wie Kruppstahl, der Buam. Derfst lei nix sogn. Woar ma ja alle dabei. Is ja nix dran gewesen. Und da Reder war ja wohl a so a vornehmer Herr. Hamatle, Hamatle, S´Karntn is lei ans. Ich persönlich fühlte mich von diesen schmierigen, anbiedernden, ekelhaften Äugalan angestarrt, als ich vor nunmehr eigentlich vielen Jahren als angehender Kulturjournalist zu einer hochoffiziellen Lobisser-Ausstellung nach Sankt Paul im Lavant-Tale beordert wurde. Ich war arglos. War sozusagen direkt aus der ur-keltischen Bretagne, wo wir ein paar Jahre gelebt hatten, in das Land meiner Kinderträume gekommen. Ich liebte Kärnten, wie ich es heute liebe, als Land der Saligen Frauen und der Großen Mutter Isis Noreia und der Heiligen Hemma und als Land, von dem mir meine Großmutter (sie war, gleich mir nicht aus Kärnten gebürtig) die schönsten alten Sagen vorgelesen hat. Und dann das: Damen in geradezu unerträglich hässlichen Dirndln, Herren in absurd-grauslichen Jankern. (Dabei liebe ich Trachten. Und trage sie selber). Dann diese Ausstellung: Sämtliche Exponate sind in einer Zeit entstanden, als Europas Moderne im Zenith stand: Picasso und Braque und Juan Gris und Fernand Leger und Amedee Ozenfant und Le Corbusier. In Österreich immerhin Herbert Boeckl und Anton Kolig und Franz Wiegele und Arnold Clementschitsch. Der in Sankt Paul gefeierte Switbert Lobisser hingegen gab sich sein Lebtag lang naiv. Er war es nicht. Seine ersten Arbeiten aus der Akademie beweisen, dass er es nicht war. Lobisser war kein Togger. Aber er wollte es sein, zumindest als solcher gelten. Um jeden Preis wollte er als Unschuld vom Lande erscheinen, weil er, der listige ahnte, dass die, welche zur rechten, zur rechten Zeit, auch im heutigen Sinne, so tun, als ob sie Togger wären, an die Futtertröge kommen würden. Lobisser sollte, wenn auch tragisch, die persönliche Tragik darf ihm niemand absprechen, Recht behalten. Nicht vor der Kulturgeschichte, aber für sich. Frieden seiner Seele; ohne Ironie. Aber nicht seinem nur vermeintlich herzigen Werke. Denn dieses ist Gift für Kärntens Seele. Was für Bilder waren da in Sankt Paul zu sehen: Heilige (allerdings solche zum abgewöhnen), wenn Heilige en vogue waren, also, wenn es im Verhältnis zum Stifte Sankt Paul ums Grob-Wirtschaftliche ging; Ländliches, wenn hieß, mit den (manchmal doch auch sehr dummen) Konservativen handelseins zu werden, Ländlich-Sittlich-Schlüpfriges für Liebhaber von dergleichen; ein Karntna Bua für die Nationalen; alles nicht ungeschickt in Holz geschnitten; eher ungeschickt aquarelliert, unbeholfen aus Holz geschnitzt. Das also war in Sankt Paul im Lavant- Tale ausgestellt. Ich gab damals meine Eindrücke, ungefähr wie oben, in meinem Artikel wieder. (Nicht in der KÄRNTNER TAGESZEITUNG, wo ich damals leider noch nicht arbeitete). Ein Aufschrei: Vereine aller Herkunft und sonder Zahl protestierten. Ich hatte, völlig unbedacht, an ein Heiligtum gerührt. Switbert Lobisser ein Heiligtum? Schauen Sie sich doch um. Blätter, welche anderswo auf dem Planeten als Makulatur gelten mögen, preist man hierzulande als ,,echte Lobisser an. Millionen Schilling gibt man ohne mit der Wimper zu zucken aus, um im Landtag immerhin ein Werk des Meisters Lobisser (Originalzitat) zu entblößen und an die Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts zu zerren. So wie die Isis Noreia, die Heilige Hemma, die Erzherzogin Maria Anna die guten, weisen und heiteren Geister Kärntens verkörpern, so ist Lobissers Werk Symbol für das häßliche Kärnten. Und auch dieses gibt es. Hier und leider heute und hoffentlich nicht für allezeit. Er selbst hat es so, und nicht anders gewollt: Er war schlau. Aber die Kunstgeschichte der Menschheit zu überlisten, das hat er nicht geschafft. So schreibt Switbert Lobisser selbst in dem vom Gauleiter Rainer mit einem Vorwort versehenen Autobiograhie ,,Das Lobisser Buch: 1934 haben die Illegalen dem Führer eine große Mappe mit fümfzehn der besten meiner Schnitte überreicht, DIE PARTEI BRAUCHT ARBEITEN AUS MEINER HAND. Aber mit dem tage, als man sich in den festlich geschmückten Straßen von Klagenfurt stumm die Hände reichte ob der befreienden Tat des Führers, HÄUFTEN SICH DIE AUFGABEN. Reichsminister Dr. Frick kommt nach Klagenfurt, besichtigt das Fresko von 1928 im Landhaus und ordnet an, ich solle den Rest des Raumes weiterbearbeiten. Dr. Goebbels kauft von mir, Heß, dem ich wie Goebbels meine Fresken zeigen darf, bekommt Angebinde aus meiner Werkstatt. Aufträge wie das Denkmal-Fresko in Lamprechtshausen sind ohne den Umbruch nicht denkbar... Und weiter: Die Feierlichkeiten im Haus der deutschen Kunst sind rot gedruckt in meinem Kalender, Da kann ich den Führer sehen undRreden hören von ganz nahe und dann meine Augen weiden lassen an den Herrlichkeiten des Festzuges... Das ist Switbert Lobisser im Original. Und, wie gesagt, Togger war er keiner. Aber einer, der sich`s richtete, während die österreichische Moderne (auch seine Kollegen, oder nicht?) nach Dachau oder ins Exil wanderte. Oh, der gar nicht dumme Ex-Kleriker, der, als er noch als Mönch sein Glück versuchen wollte, in Rom studiert hatte, der verstand sich auf die Zeit, die seinesgleichen verstand: ...in Braunau ist da Haus, wo der Führer seine Knabenjahre verlebt; wir verweilten andächtig in seinem Geburtszimmer. Diese Sätze wurden niedergeschrieben, während die Landhausfresken Anton Koligs vernichtet wurden. Wen wundert es da, wenn Gauleiter Rainer in seinem Vorwort zur Lobisser-Autobiographie zu delirieren anfängt: Wenn ich als aktiver Nationalsozialist aus der Kampfzeit der Ostmark Vorworte zu einem Buch über den Künstler aus meiner alten Kärntner Heimat, Switbert Lobisser, schreiben soll, so kann ich nicht eine fachliche Beurteilung seines künstlerischen Wirkens abgeben, sondern vermag nur zu sagen, wie das Werk und die Person Lobissers auf die gesunde nationalsozialistische Bevölkerung Kärntens und der Ostmark gewirkt haben und andauernd wirken. UNS WAR SEIN WERK IN DER ZEIT DES KAMPFES DER KÜNSTLERISCHE AUSDRUCK EINES BEKENNTNISSES ZU ADOLF HITLER. In seinem Holzschnitt vom Papst, Kaiser und Bauern sehen wir doch alles ausgedrückt, was die Idee von Blut und Boden in sich schließt... ...In der Zeit der übelsten Entartung ist Lobisser sich und der deutschen Art treu geblieben. Ich kenne keinen zweiten Künstler, der so urgesund ist, wie Lobisser.... ...Daß er darüber hinaus auch persönlich während der Kampfzeit sich stets zu uns bekannte und mit uns für den Führer tätig war, macht ihn zu unserem Kampfgefährten und Kameraden, zum nationalsozialistischen Künstler des Landes Kärnten. RAINER, GAULEITER: Salzburg, am Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung(10. Oktober 1939) Die moralischen und kulturhistorischen Ausmaße des Falles Lobisser treten nirgendwo deutlicher zu Tage, als wenn er über sich und ein Scherge des Dritten Reiches über ihn schreibt. Lobisser ist, astronomisch gesehen, ein Schwarzes Loch, das alles ansaugt und ins Höllische verkehrt, was gute Tradition dieses guten Landes ist. Und wir wundern uns heute, warum es vor zwei Jahren zu einer Künstlerhatz gegen Cornelius Kolig kommen konnte. Warum die Moderne in diesem Lande mundtot gemacht wird? Warum es zu den Vorgängen um ARBOS, die Studiobühne und ähnliches gekommen ist? Warum Kärntens internationaler Ruf für lange Jahre flöten gegangen ist, trotz fünf Stunden Marsch durch Klagenfurt, gestern? Es ist der in Kärnten heiliggesprochene Ungeist der Lobisserei, der diesem Lande schwersten psychischen Schaden zufügt. So viel liab und soviel Hamatle. Ja und soviel Herzenshärte hinter der Idylle und a bissale a KZ am Loibl und sonst, und a bissale a Deportation von die Klagenfurter Juden und die Villacher Zigeuner, aber alles urgesund. Und halt fürs Herz. Für die massakrierten Kinder von Lublin, denen der Villacher Autor Albert Tisal in seiner Tragödie ,,Tanzcafé Lerch ein Denkmal setzte, war das Herzale lei zu kloan. Für den Lobisser aber übergroß. Schauen Sie sich Ihre Lobisser, wer hat sie nicht, einmal genauer an... Daß Switbert Lobisser sich nicht in der österreichischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts befindet, sondern mit Recht dafür im Ewigen Archiv von Peter Putz, das hat er sich selber zuzuschreiben. Hier ist er ein Beispiel dafür, was aus einem Menschen wird, der sich einem Tyrannen zu Füßen legt. Peter Putz gibt der Scheußlichkeit der Lobisser-Fresken den adäquaten Rahmen: Die fletschenden Gebisse der Bestialität. Lobisser selbst sagte sich von der Humanität und der ethischen Grundlage der Moderne los und lief zu seinem Führer. Es steht uns nicht an, den Menschen zu verurteilen; wohl aber den Kult, der in Kärnten um ihn getrieben wird. Der Liebe Gott, oder wie immer wir eine höhere Instanz nennen, sei seiner armen Seele gnädig. BERTRAM KARL STEINER | |
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